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nächster Artikel Komm zu mir spät in der Nacht Die Szene spielt in der Wohnung von Bernhard und Christine. Einfache Ausstattung, dunkles Licht. CHRISTINE (kommt herein) HalloÄ Geht‘s Dir schon besser? (Keine Reaktion, sie geht zu ihm hin) Was ist denn mit Dir? BERNHARD (sitzt vorn am Bühnenrand auf einem Stuhl) Ich hab an früher gedacht. Da ist mir das Kotzen gekommen vor lauter Sehnsucht. (Trinkt) CHRISTINE Was ist denn los! Erzähl. BERNHARD (nachdem er getrunken hat) Als Kind habe ich mir einen Garten gewünscht. Zum Spielen. Wir wohnten in einem grauen Block. Jeden Tag wünschte ich mir einen Garten, in dem ich mit meinen Freunden spielen konnte. Ich habe ihn nie bekommen. Wir sind nie ausgezogen. Immer dort geblieben, in diesem grauen Block. Draußen hörte man den Verkehr rauschen. Drinnen war es immer leise, still. (Unruhig) Mir war immer kalt in dieser Wohnung, auch im Sommer. (Trinkt) CHRISTINE He. Beruhig dich. Ruhig, ja? BERNHARD (Trinkt) Meine Mutter war selten daheim. Mein Vater arbeitete im Ausland, ich sah ihn nicht oft. Nach ihrer Arbeit durfte ich gemeinsam mit meiner Mutter fernsehen. Wir sahen das Hauptabendprogramm, schlechte Filme. Wir redeten nicht viel, meine Mutter war so erschöpft von der Arbeit. Wie grau es war in dieser Wohnung, wie unmenschlich. Am Nachmittag schon musste man das Licht einschalten, weil wir nordseitig lagen und die Wohnung kaum Fenster hatte. Es war immer dunkel in dieser Wohnung. Meine Mutter sah den Film meist nicht zu Ende, weil sie einnickte. (Trinkt) Ich ging dann auf den kleinen Balkon. Unten, im Innenhof, randalierten meist ein paar Betrunkene. Ich sah nicht nach unten. Ich sah hinauf in den Himmel. Ich wollte tot sein, schon als Kind. (Trinkt) CHRISTINE He, he. Ruhig, ja? Ruhig. BERNHARD Oft habe ich mich übers Geländer gebeugt. Mir wurde nicht schwindlig. Ich beobachtete die Menschen in den Nachbarblocks. Einmal fiel ich fast hinunter, da konnte ich mich im letzten Moment noch festhalten. Ich wäre beinahe vornüber gekippt . . . (Trinkt, Pause) CHRISTINE Red doch nicht so. Ich bitte dich. Was soll denn das. Was ist denn plötzlich los mit dir!? BERNHARD (Trinkt, ruhiger) Es ist immer nachts. Tagsüber geht es. Da bin ich auch beschäftigt. Nachts bin ich der Dunkelheit hilfl os ausgeliefert. Oft bilde ich mir ein, ein Gespenst zu sehen. (Sieht sie an) Mit dreiundzwanzig Jahren. (Sieht wieder von ihr weg) Als Kind musste ich, wenn ich zu einem Freund wollte, der im selben Block wohnte, durch den Keller gehen. Der Weg auf der Straße wäre in der Nacht zu gefährlich gewesen. Ich ging die Stufen hinunter, machte Licht. Dann rannte ich los, den ganzen Gang entlang. Einmal bin ich dort einem Obdachlosen begegnet. Ich war wie versteinert. Er rührte sich nicht. Er schlief. Ich rannte weiter. Ich erzählte meinen Eltern nichts davon. Später redete ich mir ein, ihn mir nur eingebildet zu haben. Noch heute weiß ich es nicht. (Sieht sie an, immer verzweifelter) Ich weiß nicht, was von meinen Erinnerungen echt ist. Ich weiß nicht, was erträumt ist, was erlogen ist. Ob ich wirklich in diesem Keller war. Ob ich wirklich in diesem Block gelebt habe. Ob ich wirklich eine Mutter hatte. Ob ich wirklich einen Nachbarfreund hatte. Ob da wirklich der Balkon war, der Blick nach oben. Ob wir wirklich diese Filme sahen. (Immer verzweifelter) Ob da wirklich der Weihnachtsbaum war, unter dem Geschenke lagen. Ob da wirklich ein Vater war, der ab und zu auf Besuch kam. Ob da wirklich dieser Obdachlose war. Ob da wirklich ich war, der all diese Dinge sah. Ob ich wirklich aufgewachsen bin. Ob ich wirklich alt geworden bin: Ob ich wirklich eine Kindheit hatte . . .CHRISTINE He, ruhig, ganz ruhig, hörst du? Alles nicht so schlimm. BERNHARD (nachdem er getrunken hat) Ich weiß auch nicht, was los ist. Was mit mir los ist. Mit uns. Wohin uns das führt. Ich weiß es nicht. CHRISTINE Sprich doch nicht so. Sprich nicht so, he. Wird schon wieder. Das wird schon wieder, ja? He. (Nimmt sein Kinn) Sieh mich an. Sieh mich an, ja? Siehst du mich? Ich bin's, he! Deine Freundin. Dieselbe von damals, die von jetzt, ich bin's. (Sie will ihn umarmen) BERNHARD (Macht sich los, erregt) Was ist schief gelaufen! Was ist mit uns passiert! Wer bist du denn überhaupt! Wer hat dich hergerufen! Antworte. Antworte jetzt! Sofort! Zeig mir deine Befugnis! Ausweis her! Zeig mir deine Erlaubnis! Rechtfertige dich! Was tust du hier! Was hast du hier zu tun! CHRISTINE Hör auf! Sei still, still jetzt, sei jetzt still! BERNHARD (Lauter) Ausweispapiere! Daseinsgenehmigung! Rechtfertigungspapier! Her damit, los! CHRISTINE (Schreit) Halts Maul! (Heult in ihrem Schoß) BERNHARD (Steht auf, schenkt sich ein. Trinkt) Eine gute Marke. Ein guter Schluck. Und die Welt steht wieder. Und die Welt ist wieder die, die sie mal war. Nur nicht mehr wirklich, sondern hier im Kopf. Die Welt verändert sich, da hast du schon recht. Aber bei uns ist die Zeit stillgestanden. Wir beide ändern uns nicht. Wir bleiben gleich. Hier, trink auch, das tut gut. Hör auf zu heulen, das bringt auch nichts. (Trinkt) Nimm einen Schluck das beruhigt. Versuch nicht, Herrin über dich zu werden. Das haben andere schon getan. Das müssen nicht wir tun. Das haben Millionen versucht. Das ist nicht unser Ding. Wir haben anderes vor. Wir bleiben hier. Wir bleiben hier und gehen nicht weg. Verstehst du? Es ist ganz einfach. Einmal hier, kommst du nicht mehr weg. So einfach ist das. (Pause) Jetzt trink! CHRISTINE (trinkt) BERNHARD Gut. Brav. Lob für dich. Die Erlaubnis ist wieder aufgestellt. Du darfst bleiben. Hast deinen Grund. Einen triftigen obendrein. Wir beide dürfen bleiben. (Leert das Glas in einem Zug) Die Papiere sind ausgestellt (Schenkt sich wieder ein, hält das Glas wie zum Zuprosten in die Höhe) Und abgestempelt (Trinkt das Glas in einem Zug leer) Wir dürfen bleiben . . . Siebtes Bild aus dem Theaterstück "Komm zu mir spät in der Nacht" von Maximilian Lang
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